
Egal, ob du als Anfänger oder erfahrener Tätowierer arbeitest – die Welt der Tattoonadeln mit ihren vielfältigen Gruppierungen, Durchmessern, Spitzenformen und Nadelanzahlen bietet dir unzählige Möglichkeiten, um perfekte Ergebnisse zu erzielen.
Als ich selbst in die Welt des Tätowierens eingestiegen bin, war genau das mein größtes Problem: Auf jeder Verpackung standen Codes, die ich nicht verstand und deren Unterschiede mir völlig unklar waren. Erst in einem Workshop von Flight of Ink in Innsbruck habe ich als angehender tätowierer innsbruck begriffen, dass Tattoonadeln wie Pinsel in der Malerei sind. Wählt man sie falsch, wird das gewünschte Ergebnis nie so, wie man es sich vorstellt.
Wie liest man die Angaben auf einer Tattoonadel-Verpackung?
Bevor wir die verschiedenen Nadelarten erklären, schauen wir uns zuerst an, was die Angaben auf einer typischen Tattoonadel-Verpackung bedeuten. Fast jede Packung zeigt eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben, zum Beispiel:
1207RL MT
Damit Einsteiger:innen nicht den Überblick verlieren, erklären wir diesen Code Schritt für Schritt. Genau so starten wir übrigens auch in unseren Tattoo-Workshops im Flight of Ink Studio in Innsbruck: Für Anfänger ist es am praxisnahesten, zuerst zu verstehen, wie man die Nadelverpackung richtig liest.
1. Nadelstärke / Durchmesser (Gauge):
Die ersten zwei Ziffern („12“) stehen für den Durchmesser der einzelnen Nadel.
• 12 Gauge = 0,35 mm (Standard, kräftiger Farbauftrag)
• 10 Gauge = 0,30 mm (universell)
• 08 Gauge = 0,25 mm (fein, für Details)
• 06 Gauge = 0,20 mm (extra fein, für Micro- & Fine Line Tattoos)
2. Anzahl der Nadeln:
Die nächste Zahl („07“) zeigt, wie viele einzelne Nadeln zusammengelötet sind.
3. Nadeltyp / Konfiguration:
Danach folgt die Buchstabenkombination, z. B. „RL“ = Round Liner.
4. Taper (Spitzenlänge):
Am Ende steht oft „LT“ oder „MT“. LT = Long Taper (spitzer, für feine Linien), MT = Medium Taper (kürzer, für kräftige Linien und Color Packing).
Grundlegender Aufbau einer Tattoonadel
Tattoonadeln sind essenziell für jedes Tattoo und bestehen in der Regel aus medizinischem Edelstahl. Sie unterscheiden sich vor allem in der Anordnung und im Durchmesser. Die wichtigsten Bestandteile sind:
- Spitze der Nadel: der Teil, der die Haut berührt.
- Nadelstange: der Schaft, an dem die Nadel befestigt ist.
- Anordnung: wie die Nadeln zueinander platziert sind – rund, flach usw.
- Größe: der Durchmesser, meist zwischen 0,25 und 0,35 mm.
Hauptkategorien von Tattoonadeln und ihre Verwendung
- Rund-Linernadeln (RL)
Hier liegen die Nadeln kreisförmig eng beieinander. So entstehen saubere und klare Linien. Die Linienstärke hängt von der Anzahl und Dicke der Nadeln ab – je mehr Nadeln, desto dicker die Linie.
Diese Nadeln geben nur wenig Farbe pro Stich ab und eignen sich besonders für feine Linien, Minimal-Tattoos, Fineline-Arbeiten und Dotwork.
- Rund-Shadernadeln (RS)
Sie ähneln den RL-Nadeln, sind jedoch mit mehr Abstand angeordnet. Dadurch entstehen dickere Linien und eine bessere Farbfüllung. RS-Nadeln sind ideal für kleine Flächen, feine Schattierungen und teilweise auch für Linien.
- Flachnadeln (F)
Hier liegen die Nadeln nebeneinander in einer Reihe. Sie erzeugen kräftige Linien und werden für geometrische Formen, Umrandungen und große Konturen verwendet. Ein Beispiel: F7 steht für 7 Nadeln in einer Reihe.
- Flat-Shadernadeln (FS)
Die Anordnung ist ähnlich wie bei F-Nadeln, jedoch mit größerem Farbfluss. Dadurch sind sie ideal zum gleichmäßigen Füllen und weichen Schattieren. Häufige Einsatzbereiche: Porträts, Realismus, große Schattierungen und Permanent Make-up.
- Magnum-Texturiernadeln (M2)
Die Nadeln liegen in zwei Reihen übereinander mit geringem Abstand. Dadurch verteilt sich die Farbe gleichmäßig und die Schattierungen wirken weicher. Beispiel: M2-13 bedeutet 13 Nadeln in zwei Reihen.
- Magnum-Stack-Nadeln (M1)
Sehr ähnlich zu M2, jedoch enger angeordnet. Sie bringen mehr Farbe in die Haut und sind ideal zum Füllen großer Flächen mit Schwarz oder kräftigen Farben.
- Runde Magnum-Nadeln (RM)
Hier sind die Nadeln ebenfalls in zwei Reihen angeordnet, allerdings halbrund gebogen. Dadurch entstehen weiche Schattierungen ohne harte Kanten. Sie eignen sich besonders für Realismus, Porträts und empfindliche Haut.
- Gebogene Magnum-Nadeln (CM)
Ähnlich wie RM, jedoch mit einer leicht nach innen gebogenen Spitze. Das ermöglicht eine gleichmäßige Farbverteilung in der Mitte und an den Rändern, reduziert Hautschäden und sorgt für weniger Schmerz beim Kunden.
- Doppel-Stack-Magnum-Nadeln (M1C)
Diese Nadeln sind noch enger angeordnet als M1. Sie bringen extrem viel Farbe in die Haut, üben aber auch mehr Druck aus. Daher sind sie nur mit Vorsicht einzusetzen, besonders für Blackwork oder großflächiges schnelles Füllen.
Taper bei Tattoonadeln: Long Taper vs. Medium Taper
Neben der Anordnung und Form der Nadeln spielt auch die Taper-Länge eine entscheidende Rolle. Der „Taper“ beschreibt, wie lang die Nadelspitze zuläuft, also wie fein oder breit die eigentliche Spitze ist. Diese Eigenschaft beeinflusst maßgeblich, wie sich die Nadel in die Haut verhält und wofür sie am besten geeignet ist.
• Long Taper (LT):
Die Spitze läuft sehr lang und dünn aus. Dadurch dringt die Nadel weicher in die Haut ein und verursacht weniger Trauma. Ideal für feine Linien, weiche Schattierungen, filigrane Details und Fine Line Tattoos.
• Medium Taper (MT):
Hier ist die Spitze kürzer und etwas breiter. Dadurch wird mehr Farbe auf einmal in die Haut eingebracht. Perfekt für kräftige Linien, Color Packing und Flächenfüllungen.
Meine persönlichen Erfahrungen bei der Nadelauswahl
Nach mehreren Workshops in Innsbruck habe ich schnell gemerkt: Nicht nur die Handtechnik, sondern auch die richtige Nadelwahl entscheidet über das Endergebnis. Selbst das beste Motiv sieht mit einer falschen Nadel nicht gut aus.
Für Fineline
RL1 oder RL3 liefern die besten Ergebnisse – je nach Größe und Detailgrad des Motivs.
• RL1 (Single Needle): für extrem kleine und filigrane Linien oder Micro-Tattoos.
• RL3 Long Taper: für ultrafeine Linien mit niedrigerem Kontrast und weicher Wirkung.
• RL3 Medium Taper: wenn stärkere Kontraste und dunklere Linien benötigt werden.
Besonders wichtig: Bei Fine Line Tattoos entscheidet die Wahl zwischen Long Taper und Medium Taper über den Look. Long Taper erzeugt weiche, zarte Linien, während Medium Taper kräftigere, dunklere Striche ermöglicht.
Für Realismus
RM-Nadeln sind meine erste Wahl. Durch die halbrunde Form lassen sich Schatten gleichmäßig und weich einarbeiten. Gerade bei Porträts und realistischen Motiven ist es entscheidend, ob man RM-Nadeln mit Long Taper oder Medium Taper einsetzt:
• Long Taper = sanfte Schattierungen, weiche Übergänge.
• Medium Taper = dunklere Kontraste, kräftigere Schattierungen.
Für Blackwork
Hier sind kräftige Flachnadeln und Magnum-Stack-Nadeln grundsätzlich geeignet, um große schwarze Flächen zu füllen. Aber aus meiner eigenen Erfahrung in den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass Flat- und Stacked-Nadeln durch ihre scharfen Kanten die Haut deutlich stärker verletzen können.
Darum nutze ich seit Jahren keine Flats oder Stacks mehr für Flächenfüllungen. Stattdessen arbeite ich mit Round Magnum Nadeln (RM), bevorzugt in Medium Taper. Diese ermöglichen eine gleichmäßige, starke Farbfüllung, belasten die Haut aber viel weniger.
Das Ergebnis:
• Weniger Hauttrauma
• Schnellere Heilung
• Saubereres und langlebigeres Schwarz
Fazit
Jede Stilrichtung erfordert die passende Nadel:
- Fineline → feine RL-Nadeln.
- Realismus → RM oder CM für natürliche Schattierungen.
- Blackwork → Flachnadeln und starke Magnums.
Die richtige Wahl ist entscheidend, um das Tattoo so umzusetzen, wie es geplant ist.
